PNN 25.05.2016

PNN 25.05.2016 von Andrea Lütkewitz

Nachbarschaftstreff „Scholle 34“ in Potsdam-West
Die Halle aus Halle
von Andrea Lütkewitz
heprodimagesfotos93120160525scholle34_06.jpg
Bild vergößern

Der 300 Quadratmeter große Veranstaltungssaal hat 39 Jahre Tanzveranstaltungen überstanden – zumindest halbwegs. Zu DDR-Zeiten war das Gebäude ein beliebtes und gepflegtes Ausflugsrestaurant. Foto: A. Klaer

Konsum-Gaststätte, Diskothek, Trattoria: Die „Scholle 34“ hat große Typveränderungen hinter sich und ist stark verfallen. Jetzt soll das DDR-Gebäude saniert werden.

Potsdam – Die Wände sind schwarz und haben Löcher. Hier und da wurden ein paar leuchtende Sterne aufgemalt, hinzu kommen Herzchen und „I love you“ sowie Reste von herabhängender Technik. Die letzte Nutzung des 300 Quadratmeter großen Veranstaltungssaals der ehemaligen DDR-Ausflugsgaststätte „Charlottenhof“ in der Geschwister-Scholl-Straße 34 hat den ursprünglichen Bau stark verändert. Für den Betrieb der Diskothek „Charly“ in den 1990er-Jahren wurde er aus Lärmschutzgründen gedämmt und vernagelt. Auch der sich anschließende Leerstand ist der Halle nicht gut bekommen.
Zu DDR-Zeiten ein zentraler Veranstaltungsort

„Bis 1991 hat es hier ganz anders ausgesehen“, erzählt Daniel Zeller, Netzwerkkoordinator des Stadtteilnetzwerkes Potsdam-West e.V., das hier den Nachbarschaftstreff „Scholle 34“ aufbaut. „Die Außenwände bestanden aus großen Fenstern, es war ein lichtdurchfluteter Raum.“ Er selbst habe hier 1991 den Abschlussball seines Tanzkurses erlebt, sagt er, und der Schutt unter seinen Schuhen knirscht, als er durch den Raum läuft. Der Saal war zu DDR-Zeiten ein zentraler Veranstaltungsort für Konferenzen, Betriebsfeste und Tanz. Viel ist derzeit aber nicht mehr davon übrig.

Mitglieder des Nachbarschaftstreffs befreien seit 2014 in regelmäßigen Arbeitseinsätzen das Grundstück von Wildwuchs und Gerümpel. Entstehen sollen hier Projekt- und Kreativräume, eine kleine Gastronomie und Raum für Veranstaltungen. Eine Absichtserklärung zwischen der Eigentümerin – der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten (SPSG) – und dem Verein gibt es bereits, münden soll diese auch bald in einem Nutzungsvertrag. Und jetzt will man noch einen Schritt weitergehen und das marode DDR-Gebäude sanieren: „Wir möchten die ursprüngliche Architektur in ihrer Besonderheit sichtbar machen“, erklärt Zeller – ein Raumplanungskonzept dafür sei bereits in Arbeit.
Gaststätte auf dem Scholle-Grundstück

Und tatsächlich schlummerte lange Zeit eine besondere DDR-Architektur im Dornröschenschlaf auf dem verwilderten Grundstück. Als nach 1945 die Bevölkerungsdichte im Stadtteil zunahm und verstärkt Sanssouci-Besucher anreisten, wuchs auch der Bedarf an Gastronomie, an der es noch in den 1960er-Jahren in der DDR mangelte. Das hatte unter anderem mit Lieferengpässen zu tun. Doch wer die Versorgung von Gaststätten garantieren konnte, das war der Verband der Konsumgenossenschaften der DDR. Von ihr kam dann schließlich der Auftrag, auf dem Scholle-Grundstück eine Gaststätte zu bauen, das die Potsdamer Schlösserverwaltung damals zur Verfügung stellte.

In einem Architektenkollektiv der Stadt Potsdam wurde es dann 1968 konkret. Einer, der als damaliger Chef der staatlichen Bauaufsicht am Bau beteiligt war, ist Karl-Heinz Rönn. Der 87-Jährige, der selbst seit 1958 in Potsdam-West lebt, erinnert sich, dass es sich um einen sogenannten Initiativbau außerhalb der städtischen Jahresplanung handelte. Damit seien „viel Organisation“ und die Arbeit von „Feierabendbrigaden“ verbunden gewesen. Das waren Arbeiter, die Handwerker-Mangel ausgleichen sollten und abends und am Wochenende arbeiteten. „Ich selbst habe deshalb auch nach Feierabend an diesem Projekt gearbeitet“, erzählt der Rentner.

Für die Planung des Gebäudes griff man auf einen Restaurantbau zurück, der auf der Peißnitzinsel in Halle in Sachsen-Anhalt gebaut wurde – anlässlich der 10. Arbeiterfestspiele, ein kulturelles Großereignis in der DDR. Die Wende überstand das Restaurant nicht, es wurde abgerissen.
Besondere Architektur

Einen solchen Typenbau auch woanders zu bauen und den lokalen Bedürfnissen anzupassen, war in der DDR nichts Außergewöhnliches. Die Architektur war hingegen schon etwas Besonderes. Um im Innern des kubischen Baus mehr Platz zu gewinnen, wurde die Dachplatte an Stahltrossen aufgehängt, gehalten von vier großen Stahlmasten im Außenbereich, den sogenannten Pylonen – ähnlich der Hallenkonstruktion im Sportpark Luftschiffhafen. Für die 1960er-Jahre war das sehr modern. In Potsdam sind die Stahlmasten derzeit an der rechten und linken Seite des Gebäudes gut zu erkennen, zur Straßenfront hin sind sie noch von Grün verdeckt. Es ist ein unaufdringlicher Bau, ein Blickfang, der sich dennoch „dezent in das angrenzende Weltkulturerbe einfügt“, so Zeller.

1971war dann schließlich mit der Eröffnung des großen Saals alles fertig, und neben der regulären Gastronomie gab es auch Schüler- und Rentnerspeisung.

Doch kurz nach dem Ende der DDR war dann Schluss, die Diskothek „Charly“ zog bis Ende der 1990er ein, später eröffnete eine Trattoria. 2010 schloss auch die und das Gebäude drohte zu verfallen. Doch 2014 kam dann das Stadtteilnetzwerk auf den Plan. Die Unterstützung für das Vorhaben sei groß, auch seitens der Schlösserstiftung. Diese gab 2011 ein Gutachten in Auftrag, in dem der „architektonische Wert“ der heutigen „Scholle“ hervorgehoben und eine Empfehlung für einen Erhalt ausgesprochen wurde, so Zeller.
„Hier war immer Leben“

Im Verein sei man sich einig, dass die „Scholle 34“ der zentrale Ort des Netzwerkes werden soll, so Zeller. Dass es Probleme angesichts der Debatte über den Erhalt von DDR-Gebäuden geben könne, glaubt er nicht. „Es ist schön, dass die ,Scholle’ nicht in der Stadtmitte steht und es darüber, dass wir ein DDR-Gebäude wieder herrichten wollen, keinen Dissens gibt.“ Finanziert werden soll die Sanierung zunächst über Spenden, zudem hofft man auf finanzielle Unterstützung durch die Stadt – Anträge dafür seien bereits in Arbeit.

Karl-Heinz Rönn, der so viele Überstunden in dem Gebäude gelassen hat, würde es jedenfalls freuen, wenn eine Sanierung realisiert und statt der schwarzen Wände wieder Glas zum Vorschein käme: „Ich war oft da, und mein Sohn hat hier seine Jugendweihe gefeiert“, sagt er. „Hier war immer Leben.“