PNN 17.05.2016

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Wange an Wange mit dem Nachbarn

von Andrea Lütkewitz

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Tango-Auftakt im Hauptbahnhof. Die Tanzgruppe „Tanguito“ eröffnete mit einem Tanz-Flashmob die Outdoor-Saison des Nachbarschaftsgartens „Scholle 34“.

Stadtteilnetzwerk Potsdam-West eröffnet Hof- und Gartensaison der „Scholle 34“ mit Tango-Flashmob am Hauptbahnhof Potsdam

Es erinnert an die rituelle Vertreibung des Winters: In goldenen Tanzschuhen, barfuß oder in Sneakers und zu Musik aus dem Ghettoblaster tanzten etwa zehn Paare einen der leidenschaftlichsten Tänze der Welt, einen Tango. In temperamentvoller Schrittfolge trotzten die Mitglieder der Tanzgruppe „Tanguito Potsdam“ am gestrigen Pfingstmontag im Potsdam Hauptbahnhof den windigen Eisheiligen vor der Tür, um damit die Outdoor-Saison im Nachbarschaftsprojekt „Scholle 34“ zu eröffnen.

Das Areal der „Scholle 34“ in der Geschwister-Scholl-Straße in Potsdam-West ist vielen noch als DDR-Ausflugsrestaurant „Charlottenhof“ oder Diskothek „Charly“ bekannt. Nachdem dort der letzte Mieter – ein italienischer Restaurantbetreiber – vor sechs Jahren auszog, verwilderte das Grundstück. Ende 2013 nahm sich das Stadtteilnetzwerk Potsdam-West e.V. des Grundstücks an, freiwillige Helfer befreien es seitdem von Gerümpel und Wildwuchs. Mit der Grundstückseigentümerin, der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, wurde eine Absichtserklärung zur künftigen Nutzung auf den Weg gebracht. Die Stadt bezuschusst das Projekt unter dem Aspekt des nachbarschaftlichen Miteinanders. Im Entstehen sind ein Gemeinschaftsgarten, ein Café, Familienräume und schließlich eine Tanzbühne im Freien, auf der die „Tanguito“-Tänzer künftig zeigen möchten, was sie können. Schon bald soll es montags Tanzkurse für Kinder und Jugendliche geben. „Wir freuen uns, dass wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren und nun im Projekt dabei sein können“, so Steven O’Fearna, Mitgründer von „Tanguito“. In seiner Tanzgruppe tanzen auch viele Anwohner der „Scholle 34“ Wange an Wange, gute Voraussetzungen also für eine Etablierung vor Ort.

Überhaupt kommt nach und nach Struktur in das Projekt. Bis vor Kurzem fehlte noch Geld für einen Baustellenzaun – Gelder von der Stadt sind für Baumaßnahmen nicht vorgesehen. Doch dieser Zaun steht nun , nicht zuletzt auch dank einer „größeren Spende“ der Sparkassen-Stiftung, so der Netzwerkkoordinator des Vereins, Daniel Zeller. Damit können andere bauliche Maßnahmen angegangen werden, etwa das Herzstück des Gebäudes, ein 300 Quadratmeter großer Veranstaltungssaal, der zu Diskothek-Zeiten mit Brettern und Dämmmaterial zugebaut wurde. Geplant ist es, dessen ursprüngliche Glasfront wieder zum Vorschein zu bringen und damit auch „den Wert des unikaten DDR-Baus“ aufzuzeigen, so Zeller.

Dennoch wird vieles immer noch selbst organisiert – etwa die Tanzfläche, auf der der Flashmob am Pfingstmontag seine Künste zeigte, nachdem er zuvor im Hauptbahnhof und in der Wilhelm-Galerie Halt machte. Einer, der Material dafür beisteuerte, ist Clive Hughes aus Glindow. Er tanzt bei „Tanguito“. Das Tanzen in Potsdam-West auch anderen zu ermöglichen, ist ihm eine Herzensangelegenheit. „Ich wollte etwas zurückgeben“, sagt er. Und auch Daniel Zeller ist an diesem Tag zufrieden. Mit Blick auf die etwa 150 Gäste zur Saisoneröffnung sagt er: „Ich bin geflasht. Vor Kurzem standen hier noch lauter Container voller Schutt. Schöner hätte ich es mir heute nicht vorstellen können.“

Erschienen am 17.05.2016 auf Seite 09